Frankfurter Rundschau berichtet – Wuppertaler Medien nicht…

Wirtschaft – 20 | 7 | 2011

Jubiläum bei Schuhhandelskette

30 Jahre Firmengeschichte ausgeblendet

 

Klauser-Homepage
Von Joachim Tornau 

Die Schuhhandelskette Klauser aus Wuppertal feiert ihr 75. Jubiläum – und verliert kein Wort über ihren Ursprung in der Nazi-Zeit. Denn am Anfang des Unternehmens lag die Übernahme „arisierter“ Unternehmen.

In der Firmenchronik fehlen fast 30 Jahre. Die Geschichte, die die Schuhhandelskette Klauser auf ihrer Internetseite erzählt, fängt erst im Jahr 1965 an. Dennoch feiert das Unternehmen in diesen Tagen sein 75-jähriges Bestehen – mit Jubiläumsverkauf, mit Sonderangeboten und mit einer großen Party, zu der am vergangenen Wochenende sämtliche der knapp 2000 Beschäftigten an den Klauser-Stammsitz nach Wuppertal eingeladen wurden.

Gefeiert wird die Gründung im Jahr 1936. Die Umstände dieser Gründung aber werden schamhaft verschwiegen: Die Geschichte von Klauser begann mit der sogenannten Arisierung jüdischer Geschäfte. Das geht aus Dokumenten hervor, die der „Verein zur Erforschung der sozialen Bewegungen im Wuppertal“ im Internet veröffentlicht hat.

Gnade der späten Geburt?

Unter der Überschrift „Übernahme von jüdischen Geschäften durch arische Unternehmer“ meldete die Bergische Industrie- und Handelskammer am 9. Mai 1936, dass das Schuhhaus Walter Kamp in Wuppertal-Elberfeld von Klara Klauser übernommen worden sei. Zwei Jahre später verleibte sich das junge Unternehmen zwei weitere Schuhläden in Witten und Wuppertal-Barmen ein, die von ihren jüdischen Besitzern unter dem Verfolgungsdruck der Nationalsozialisten aufgegeben worden waren. Emil Rosendahl, einer der beiden Gesellschafter des 1938 übernommenen Barmer „Schuhpalasts“, und seine Frau Pauline wurden am 20. Juli 1942 – genau heute vor 69 Jahren also – ins KZ Theresienstadt deportiert und wenig später ermordet.

Den heutigen Inhabern von Klauser ist diese Geschichte bekannt. Sie berufen sich jedoch auf die Gnade der späten Geburt: Gerd Prange, der das Unternehmen 1965 kaufte und bis heute als Senior-Chef fungiert, habe weder mit Klara Klauser noch mit den Arisierungen etwas zu tun gehabt. Schließlich sei er 1936 gerade drei Jahre alt gewesen. Und weil die eigentliche Erfolgsgeschichte erst in der Ära Prange begonnen habe, kämen die ersten drei Jahrzehnte in der Firmenchronik nicht vor. „Aus unserer Sicht ist das ehrlich“, heißt es in einer Stellungnahme des Unternehmens.

Zwar räumen die geschäftsführenden Gesellschafter gegenüber der FR ein, dass das 75-jährige Klauser-Jubiläum „zwingend zur Nachdenklichkeit“ mahne. „Daraus jedoch die unternehmerische Entscheidung zu treffen, ein solches Datum ganz unter den Tisch fallen zu lassen – dies wollten wir nicht.“ Den Geburtstag nicht zu feiern, wäre für die Klauser-Chefs „ein Sich-davon-Stehlen aus jenem ersten Teil der Firmengeschichte, die ohne Zutun der Familie Prange so ist, wie sie war“.

Ob dieses Kapitel bei der Jubiläumsparty für die Belegschaft zur Sprache kam, beantwortet Geschäftsführer Hermann Josef Richter nicht. Es habe sich um eine „firmeninterne Mitarbeiter-Veranstaltung“ gehandelt, teilt er mit. Auf der Firmen-Homepage aber bleibt die NS-Zeit ausgeblendet. „Das Schuhhaus Klauser feiert die Arisierung jüdischer Geschäfte“, so der Wuppertaler Historiker Stephan Stracke, der die Klauser’sche Gründungsgeschichte recherchiert hat. „Und noch erschreckender ist es, dass Klauser kein Wort zum Schicksal der jüdischen Vorbesitzer verliert.“

Familienunternehmen

Klauser Schuhe gehört zu den größten inhabergeführten Schuhhandelsketten
in Deutschland.
Das in Wuppertal ansässige Familienunternehmen übernahm 51Filialen der angeschlagenen Schuhhauskette Salamander.
In 130 Filialen arbeiten seither bundesweit rund 1900 Menschen für Klauser Schuhe.
Im Jahr 2009 erwirtschafteten sie einen Umsatz von 113 Millionen Euro. jft

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Schuhhaus Klauser feiert die „Arisierung“ jüdischer Geschäfte!


 

Pressemitteilung


Das Schuhhaus Klauser feiert am 17. Juli 2011 mit einer großen Openair-Party im Wuppertaler Zoo-Stadion ihr 75jähriges Geschäftsjubiläum. Die Schuhkette Klauser, die kürzlich alle Salamander-Geschäfte übernommen hat, verfügt heute über 80 Filialen und 1900 MitarbeiterInnen und ist nach Deichmann, Leiser und Görtz einer der Größten der Branche.
Nach einem Pressebericht  blickt das Schuhhaus Klauser „auf eine beeindruckende Firmengeschichte zurück.“  Diese Geschichte beginnt nach Firmenangaben im Jahre 1936. „Mit dem Kauf des Schuhgeschäftes Kamp legt Klara Klauser im Jahr 1936 den Grundstein.“ (Westdeutsche Zeitung 15. Januar 2009 u. 10. Mai 2011.) Das ist der einzige dürre Hinweis zum 75. Jubiläumsjahr, dass zur Zeit bundesweit mit Aktionswochen und Sonderrabatten „gefeiert“ wird.

“Mit Befremden stellen wir fest, dass das Wuppertaler Schuhhaus Klauser mit einer Großveranstaltung „ihr“ 75 jähriges Geschäftsjubiläum feiert,“ so der Wuppertaler Historiker Stephan Stracke. „Das Schuhhaus Klauser feiert damit die „Arisierung“ jüdischer Geschäfte! Noch erschreckender ist es, das Klauser kein Wort zum Schicksal der jüdischen Vorbesitzer verliert, die aus Deutschland flüchten mussten oder wie Emil und Pauline Rosendahl deportiert wurden und im KZ Theresienstadt den Tod fanden.“

Nach unseren Recherchen basiert die „beeindruckende Firmengeschichte“ von  Klauser auf mindestens drei „Arisierungen“ von jüdischen Schuhgeschäften in Wuppertal und Witten.
Die erste „Arisierung“ ist in einem Schreiben der IHK Wuppertal vom 9.Mai 1936  unter der Überschrift „Übernahme von jüdischen Geschäften durch arische Unternehmer“ dokumentiert. „Schuhhaus Walter Kamp, Schuhe (…) übernommen von Klara Klauser.“ (Anlage 1)

Die anderen späteren „Arisierungen“ gelingen Klauser nach durch Boykottaktionen erzwungenen Geschäftsaufgaben noch preiswerter. Im März 1938 „übernimmt“ Klauser in Witten das ehemals größte Schuhwarengeschäft von Siegfried Rosenberg. Rosenberg musste nach Boykottaktionen schließen, ein Nachbargeschäft übernahm zunächst das Ladenlokal und das Inventar, drei Monate später tritt Klauser auf den Plan und übernimmt dass Ladenlokal und das Inventar. ( Quelle: Hans Ch. Dahlmann: ‚Arisierung‘ und Gesellschaft in Witten, Münster 2001, S. S. 127-131)

1938 arisiert Clara Klauser den seit 1889 bestehenden „Schuhpalast“ in Wuppertal-Barmen in der Berlinerstr. mitsamt Inventar und großem Warenlager. Die Gesellschafter waren Emil Rosendahl und Max Guggenheimer. Die Löschung im Handelsregister erfolgte am 27.10.1938. In der Pogromnacht hatten Nazis noch das Geschäft demoliert. Clara Klauser hatte bereits am 2.7.1938 die Genehmigung zur Übernahme der Verkaufsstelle vom Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal erhalten und laut einem Dokument das Warenlager und das Inventar des Schuhgeschäftes in der Berlinerstr. 127  „erworben“  und dort auch das neue „arische Schuhgeschäft“ begründet.  In einem weiteren Dokument steht der „Schuhpalast“ von Emil Rosendahl auf der städtischen Liste der  „bis zum 10.9.1938 entjudete[n] Firmen.“ (Quelle Anlage 2)
Für den Regierungspräsidenten als Entschädigungsbehörde war die „Geschäftsübernahme“ vom „Schuhpalast“ in einem Bescheid vom 9.9.1959 übrigens eine „Entziehung im Sinne der Rückerstattungsbestimmungen“.

Die jüdischen Vorbesitzer der „arisierten“ Geschäfte versuchten in der Regel schnell  Deutschland zu verlassen. Walter Kamp, der insgesamt zwei Schuhgeschäfte durch „Arisierung“ in Wuppertal verlor, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit 1936 noch einen Kaufpreis für seine „arisierten“ Geschäfte „erzielen“ können“. Er  konnte 1936 mit seiner Frau und seinem 6 jährigen Sohn in die USA auswandern. Siegfried Rosenberg aus Witten wurde nach der „Arisierung“ noch in der Pogromnacht von Nazis angriffen, konnte aber noch rechtzeitig mit seiner Familie nach Südafrika flüchten. Max Guggenheimer, Gesellschafter des Schuhpalastes in der Berliner Strasse, gelang ebenfalls die Ausreise, sein Vermögen wurde aber zum größten Teil vom deutschen  Fiskus (Reichsfluchtsteuer etc.) beschlagnahmt.

Nicht mehr weg kamen die schon hochbetagten Emil und Pauline Rosendahl. Sie verloren  ihre Wohnung und mussten in das sog. Judenhaus in der Tannenbergstrasse umziehen. Am 20.Juli 1942 wurden sie nach Theresienstadt deportiert und starben dort nach kurzer Zeit. Die „arisierten“ Klauser-Geschäfte haben den Krieg gut überstanden und konnten im Wirtschaftswunder zum Teil an neuen Standorten wieder durchstarten. Eine Wuppertaler Klauser-Filiale ist sogar noch fast am alten Standort von Emil Rosendahls und Max Guggenheimers  „Schuhpalast“ zu finden. Der „Schuhpalast“ wäre heute 122 Jahre  alt geworden.

Literaturhinweis:

Stephan Stracke/ Frank Sparing: „… dass durch den Übergang ein musterhaft geführtes, deutsches Geschäft geschaffen wird.“ Die „Entjudung“ der Wuppertaler Wirtschaft 1933-1938, in: Michael Okroy/Ulrike Schrader (Hg.): Der 30. Januar 1933 – Ein Datum und seine Folgen. Aktuelle Forschungen zum Nationalsozialismus in Wuppertal, Wuppertal 2004, S. 60-73

Verein zur Erforschung der sozialen Bewegungen im Wuppertal e.V.
www.wuppertaler-widerstand.de

 

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